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Zum Ökonomie-Nobelpreis von Jean Tirole

von Josef Baum

„Aufgeklärte Marktreligiosität“ - Zum Neuen Wirtschaftsnobelpreisträger
Jean Tirole hat heute den sogenannten Nobelpreis für „Wirtschaftswissenschaften bekommen und eine Begründung ist, dass er es bei ihm um „die Wissenschaft der Bändigung mächtiger Unternehmen“ („taming the markets“ stand auf einem Banner) geht. Klingt gut, doch entspricht diese marketingorientierte Formulierung der Realität? Es mag natürlich verwegen und anmaßend sein, wenn ich mir erlaube einen Nobelpreisträger aus linker Sicht zu evaluieren, zumal ich zwar sein Hauptwerk zur Industrieökonomie, aber nicht alle weiteren Bereiche kennen.

Ich weiß nicht, wieviele (ÖkonomInnen) in Österreich Tirole kennen und auch wieviele (ÖkonomInnen) sein Hauptwerk gelesen haben, (ich hab’s für eine späte Diss gemacht) Letztere dürften abzählbar viele sein; sein großes Werk „Industrieökonomik“ hat immerhin über 1000 Seiten, und ist keine Gutenachtliteratur. Ich hab es auch nicht ganz gelesen, aber vieles. Und ich hatte es zu meiner Überraschung noch in Griffweite vom Schreibtisch. Vorweg: Es geht bei „Industrieökonomik“ sicher nicht um die Aktualität der Frage der (Re)Industrialisierung. Eine Merkwürdigkeit, an die sich „Industrieökonomen“ schon gewöhnt haben, die aber für Ausstehende zumindest erklärungsbedürftig ist, ist ja, dass sich „Industrieökonomie“ in den letzten Jahrzehnten immer weniger und kaum noch mit Industrie, sondern mit dem „Funktionieren“ von Märkten beschäftigt. Und da sind wir schon beim Kernproblem: Nämlich der (impliziten) Grundannahme der „Industrieökonomik“, dass Märkte UND damit Konkurrenz die einzige real wesentliche Koordinierungsform wirtschaftlicher Aktivitäten sind. Am ausgeprägtesten besagt in diesem Sinn bekanntlich die „Effizienzmarkthypothese“ vereinfacht, dass eine unsichtbare Hand die Marktkräfte letztlich zu einem „optimalen“ Ergebnis kommen lässt, wenn, wenn ja wenn sich niemand einmischt. Die Krise seit 2008 hat zwar dieses Dogma außerhalb der Wirtschaftswissenschaften grundlegend erschüttert, aber grundsätzlich ist die offizielle Wirtschaftswissenschaft in ihrem quasireligiösen Glauben an diese unsichtbare Hand noch immer voll befangen. Nun behandelt die „Industrieökonomie“ eben genau zweckmäßige Maßnahmen bei „Marktversagen“ im Rahmen einer „Wettbewerbspolitik“. Aber das Grundparadigma bleibt. Das ist dann „aufgeklärte Marktreligiosität“ auf Basis von Profitmaximierung und Kapitalakkumulation.
Solidarisches Verhalten, das es ja auch geben soll, kommt in diesen Theorien nicht vor. Nichtprofitorientiertes Wirtschaften kommt nicht vor, auch nicht Genossenschaften oder Mitbestimmung in der Industrie, wie man naiv etwa meinen könnte, und schon gar nicht gesellschaftliches Eigentum.
Ich hab ca. 10 Bücher zu Industrieökonomie studiert, und Tirole‘s Buch ist - eben in den Grenzen der Zunft – sicher das umfassendste, es ist systematisch und auch relativ ausgewogen zwischen einzelnen Ansätzen. Es handelt - eben in den Grenzen der Zunft – tatsächlich alle mögliche Fragen und Fälle ab; und in diesem Sinn ist es – auf Basis der Annahmen – tatsächlich das wissenschaftlichste. Was ich für einen Mangel halte, ist, dass Tirole nur relativ wenig empirisch orientiert ist, das entspricht weniger meinem Verständnis. Denn in Modellen lässt sich lange im Kreis diskutieren. Und irgendwann kommt dann der Sprung, dass Modelle auf basierend auf Vorgaben in die Wirklichkeit gesetzt werden, und diese dann auch prägen.
Immerhin verbindet Industrieökonomie Betriebswirtschaft mit Volkswirtschaft und mein Interesse war die Analyse des Zusammenhangs von Konzentration und Profitrate, was ich dann auf vertikale Konzentration (über verschiedene Produktionsstufen) einengte (Hier vertritt Tirole die Ansicht, dass das meist gar nicht so schlecht wäre).
Jetzt hab ich mir die Würdigungen und auch das Interview mit Tirole bei der Bekanntgabe der Entscheidung angesehen.
http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economic-sciences/laureates/2014/announcement.html
Und ich muss meine Würdigung leider weiter herabstufen:
Tore Ellingsen, (Chairman of the Committee for the Prize in Economic Science) hat aber immerhin Tiroles Leistungen im ökonomischen „Engineering“ von Deregulierung (und Privatisierung) vor allem in den 90er Jahren, für das die Politik die Ziele vorgegeben habe; – das entlastet Tirole auch wieder etwas. Bei anderen Vorgaben könnte ein systematischer Wirtschaftswissenschaftler eben auch was Sinnvolleres machen. Tatsächlich heißt es im Buch Tiroles zum Telekommunikationsmarkt:“ Theoretical models based on the assumption that telecommunications is a natural monopoly no longer reflect reality“. Die politisch vorgegebene Realität, dass Netze nicht mehr als Gemeingut zweckmäßig sind, führte zu neuen Modellen – und in Österreich letztlich dazu, dass die wesentliche Telekominfrastruktur nun dem reichsten Mann der Welt gehört.
Im Live-Interview gab Tirole auf eine konkrete Frage zu Google’s Marktmacht keine befriedigende Antwort: Er sprach vom Nutzen für Kunden und Werbewirtschaft, von „contestable markets“, wonach große Oligopole nicht negativ sind, solange nur der Marktzugang für Kleine noch gegeben ist. Faktum ist, dass die die meisten Branchen in Österreich, Europa und weltweit von Oligopolen dominiert sind, und es nicht um Wettbewerb (freien Markt laut Ideologie) an sich, sondern um „funktionsfähigen Wettbewerb“ zwischen Oligopolen geht. So wird etwa dem Treibstoffmarkt (mit einigen einschlägig bekannten Oligopolen) von Ökonomen immer wieder Wettbewerb attestiert; und es ist auch Wettbewerb, aber eben ein höchst beschränkter „Oligopolistischer Wettbewerb“. Konkrete Wettbewerbspolitik orientiert sich noch immer an Faustregeln (z. B. Marktmissbrauchsverdacht ab einem gewissen Anteil an Marktmacht) bzw. wird wesentlich von juristischen Beweisen geprägt.
Gesellschaftliche Kosten (Z. B. an der Umwelt) kommen de facto kaum vor), hehre Parameter wie für Innovation drücken sich letztlich alle in Profit aus – gut das ist keine Spezialität bei Tirole.
In der Presserklärung des Nobelkomitees heißt es, dass Tirole eine „unified theory“ für Marktmacht geschaffen habe, quasi a la Einstein. Das ist Nonsense, außer dass eben die Ideologie der Deregulierung auf allgemeinen simplen ideologischen Annahmen beruht. Gleichzeitig wird ja dazu im Widerspruch in der Würdigung auch die Entdeckung bzw. große Leistung angeführt, dass es eben keine allgemein gültigen Regeln für die Wettbewerbspolitik in den einzelnen Branchen gibt, und jede Branche speziell analysiert werden müsse, was aber wahrlich nicht neu ist, und nur für hartgesottene Mainstream-Neoklassiker überraschend sein kann
Übrigens eine Info für Tiroler Patrioten: Ich hab echt einmal nachgefragt, ob Tirole vom Namen her eventuell von der Herkunft irgendetwas mit Tirol zu tun gehabt hätte: Hat er nicht…
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Immerhin hat Tirole zum Schluss gemeint, dass wir auf dem Weg zu einer globalen „Antitrust-Politik“ seien, und dass er das gut fände. Das wäre immerhin auch was. Und die Hoffnung bleibt, dass noch der Aufklärung bzw. nach  der aufgeklärten Religiosität irgendwann auch in der Wirtschaftswissenschaft eine demokratische Revolution kommt.

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