Berichte vom Weltsozialforum in Salvador de Bahia

Donnerstag, 15. März 2018 @ 11:41

WSF: WELCHE ALTERNATIVEN SIND MÖGLICH?

Nach der beindruckenden Demo am Dienstag nahm das WSF am Mittwoch seine inhaltliche Arbeit auf. Auf dem riesigen Gelände der Föderalen Uni von Bahia (UFBA) findet eine Unzahl von Veranstaltungen statt. Ich hatte gerade Zeit für 3 von ihnen.

Bei der ersten ging es um "neue Paradigmen", um "das ökologische Desaster zu vermeiden und eine Gesellschaft des guten Lebens/ bien vivir zu schaffen". In einem grundsätzlich angelegten Beitrag setzte sich Edgardo Lander von der Universidade Central da Venezuela mit dem Extraktivismus -also dem Gesellschaftsmodell, das vor allem auf der Ausbeutung der Bodenschätze beruht- und dessen katastrophalen Folgen für Mensch und Natur auseinander. Extraktivismus hat nicht bloß eine ökonomische Dimension, er durchdringt alle Strukturen und Poren der Gesellschaft: er schafft spezielle Hierarchien und Abhängigkeiten (insbesonders vom Weltmarkt und dessen internationaler repressiver Arbeitsteilung), er prägt die zwischenmenschlichen Beziehungen, er geht insbesonders zu Lasten der Indigenen. Lander schilderte- ebenso wie andere RednerInnen-, daß die progressiven Regierungen Lateinamerikas das Modell des Extraktivismus weitgehend und unkritisch übernommen haben- mit dem Argument , damit Sozialreformen finanzieren zu können.

Während Landers Analyse stringent ausfiel und bündig dargelegt wurde, daß es zu keiner Diversifizierung der Wirtschaft kam, blieb die Schilderung des Auswegs aus dem Schlamassel der Länder der Dritten Welt ziemlich matt.

Im Anschluß gab ich mir ein Interview, das Leo Gabriel mit Marco Arruda, einem führender Vertreter der "Solidarökonomie" machte. Arruda legte dar, daß es angesichts der zahllosen Krisen des Kapitalismus nicht angeht zu "warten", sondern daß es schon jetzt um die Schaffung von (Ansätzen von) Alternativen in möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen- von der Wirtschaft bis hin zur Kultur- geht. Zu kurz kam für meinen Geschmack die Frage der Aushebelung des repressiven, bürgerlichen Staates, der ja völlig quer zu all diesen Initiativen steht.

Die dritte Veranstaltung war der Erinnerung an Francois Houtard gewidmet, der 2017 verstorben ist. Houtard war ein bedeutender linker Theoretiker, aber ebenso ein glühender Aktivist auf allen Kontinenten- auch im Rahmen des WSF.

Weitere Berichte folgen.

Hermann Dworczak (Austrian Social Forum/ ASF; Prague Spring 2; 0043 / 676 / 972 31 10 )



WELTSOZIALFURUM IN SALVADOR DE BAHIA: ZEHNTAUSENDE BEI DER ERÖFFNUNGSDEMO

Dienstag 13.März wurde in Salvador de Bahia in Brasilien das Weltsozialforum eröffnet. Zehntausende -ich schätze gut 20 000- kamen zur Demo, die in einem kilometerlangen Zug vom Campo Grande zum Stadtzentrum führte.

Von politischer Müdigkeit war nichts zu bemerken. Ein unwahrscheinlich breites Spektrum prägte die Demo: an ihrer Spitze eine großer Block von Indigenen, zahllose soziale und ökologische Intiativen- etwa aus Sao Paulo, viele StudentInnen, GewerkchafterInnen aus Brasilien aber ebenso aus Metaller aus Kanada oder die GEW aus der BRD, GenossInnen der Europäischen Linkspartei, Delegationen aus Afrika und anderen Ländern Lateinamerikas, undundund. Auf den ersten Blick fiel die unwahrscheinlich starke Beteligung von Frauen auf, die sicher die Mehrheit der DemonstrantInnen stellte!

Zentrale Problem, die angesprochen wurden, waren: Privatisierung öffentlichen Eigentums, Rassismus, Gewalt gegen Frauen und natürlich der kalte Putsch gegen die PT-Regierung bzw. die Versuche den nach wie vor extrem populären Expräsidenten Lula von den anstehenden Wahlen unter fadenscheinigen Vorwänden auszuschließen. "Fora Temer"-also weg mit dem akuellen Putschpräsidenten- war der häufigste Sprechchor.

Mittwoch startet die inhaltliche Arbeit des WSF, das bis Samstag 17.März andauert. Im Anschluß an das WSF tritt dessen "Internationaler Rat" zusammen, um zu bilanzieren und die nächsten Schritte zu beraten.

Weitere Berichte folgen.

Mit solidarischen Grüßen

Hermann Dworczak (0043 / 676 / 972 31 10 )

15/16. März 2018:
WSF: LULAS GEFÄHRDETE KANDIDATUR; ERMORDUNG MARIELLES

Der Donnerstag und Freitag waren vor allem durch 2 Ereignisse geprägt: Lulas Präsenz in Salvador de Bahia und die Ermordung der bekannten linken Aktivstin Marielle Franco in Rio de Janeiro.

Lula trat in einem Stadion außerhalb des Stadtzentrums auf. Er zeigte sich rhetorisch in bester Form, riß das Publikum einige Male zu Begeisterungsstürmen hin. Bis heute ist in keiner Weise geklärt, ob er überhaupt zu den Wahlen antreten darf, radikale bürgerliche Scharfmacher würden ihn am liebsten schon heute ins Gefängnis stecken... Sein Diskurs konzentrierte auf die Erfolge unter den PT-geführten Regierungen und die positiven Veränderungen in Lateinamerika seit der Gründung des WSF um die Jahrtausendwende. Ausgespart blieb eine selbstkritische Bilanz der Politik der Kooperation mit dem nationalen und internationalen Kapital, ebenso fehlten Akzente in Richtung künftiger breiter Mobilisierung von unten.

In Rio wurde die -im ganzen Land bekannte- 38jährige schwarze Feministin und und Stadträtin der Linkspartei PSol ermordet. Wohnend in der Favela Mare, hatte sie insbesonders auf die kriminellen Machenschaften der policia militar aufmerksam gemacht. Ihre Ermordung wurde an vielen Orten sofort mit Protestaktionen beantwortet. In Rio versammelten sich mehrere Tausend vor dem Rathaus, auf dem WSF formierte sich ein spontaner Protestzug, die Assamblea der Frauen im Stadtzentrum von Salvador stand gänzlich im Zeichen von ihr: "Marielle presente!"

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