Venezuela von unten

Samstag, 26. Oktober 2013 @ 09:18

ein Bericht von Willhelm Mindler


Wollt ihr wissen wie es uns so geht?

Uns kann es ja gar nicht schlecht gehen, Maduro hat die Situation fest in der Hand. Ein neuer Beweis dafür, und gleichzeitig ein Beleg für die Fortschritte was Menschenrecthe betrifft, ist eine weise Entscheidung von gestern:
Es wurde ein "Vizeministerium für die allerhöchste Glücklichkeit des venezolanischen Volkes" ("para la suprema felicidad") geschaffen. Das macht uns niemand nach! Da kann sich die Welt ein Beispiel nehmen!

Adelaida, eine Frau die ausserhalb von Cumaná wohnt und bei uns einmal in der Woche kocht und afuräumt, erzählte soeben: mit ihrer kranken Schwester war sie heute im Spital. Diese Schwester wurde vor einigen Tagen operiert, aber bei der Operation stellten die Ärzte fest dass die Diagnose falsch war, sie ist somit nach wie vor krank. Der Arzt bei dem sie heute vorangemeldet war erschien nicht. So schickte Adelaida die Schwester unverrichteter Dinge mit dem Taxi heim und zahlte dafür den Gegenwert von eineinhalb Tageslöhnen. Ich erzählte ihr soeben vom neuen Vizeministerium, sie war nicht allzusehr beeindruckt . . .

Der offizielle Dollarkurs ist Bs. 6,30/US$, der Schwarzmarktkurs steigt und steigt und ist bereits auf Bs. 48/US$, alle zaghaften Korrekturmassnahmen der Wirtschaftspolitik gehen daneben. Schuld an der verfahrenen Situation ist eigentlich Chávez, der sich immer wieder persönlich wichtige Entscheidungen vorbehielt, aber der ist halt nicht mehr da. Heinz Dietrich, einst Berater von Chávez, vergleicht Maduro mit einem Pfarrer, der in einer idealistischen religiösen Welt an der Realität vorbeipredigt. Unsere Regierenden klammern sich blind an eine verzerrte Ideologie, sowie mit allen Mitteln an die Macht und das Geld, und mit dem ursprünglichen Ideal einer sozialen Revolution ist es längst vorbei.
Die Lebensmittelknappheit verschärft sich, die Schlangen werden länger. Auch dazu gibt es eine Empfehlung aus dem hiesigen öffentlichen Spital: das Spital ist überlastet mit Leuten, die beim Schlangenstehen vor Lebensmittelläden einfach zusammenbrechen. Es wird ihnen geraten, das Schlangenstehen zu vermeiden. Aber die Leute wollen sich hat nicht daran halten. Warum wohl?

Es ist zuviel Geld im Umlauf, gleichzeitig ist das Warenangebot zu gering. Für Leute die nicht wissen was tun mit dem Geld gibt es Alternativen. So kann man zu absurden Preisen Cranberrysaft und ähnliche Produkte kaufen, diesen hat man hierzulande früher nie gesehen. Milch, frisch, in Pulver, oder haltbar, gibt es seit Wochen in keinem einzigen Lebensmittelgeschäft . . .

Maduro will vom Parlament Sonderrechte, die ihm erlauben per Dekret Gesetze zu diktieren. Aber dazu braucht er 99 Stimmen. Zwei Abgeordnete wurden bereits eingekauft, aber trotz grosszügiger Angebote an weitere zehn fehlt die Nummer 99. Aber auch dieses Problem soll in den nächsten Tagen gelöst werden: einer Abgeordneten der Opposition wird ein Prozess angehängt, dann verliert sie ihr Mandat (ohne Gerichtsurteil!!!) und mit ihrem Stellvertereter bekommt Maduro seine Mehrheit. Wehe uns!
Man muss fast lachen, obwohl es so ernst ist: Maduro hat unendlich viel Macht (über Militärs, Wahlbehörde, Parlament, obersten Gerichtshof etc.), übt sie schamlos aus wie nie ein demokratischer Präsident zuvor, und scheint dennoch so unbeholfen . . .

Kommentare (0)


transform.or.at
http://transform.or.at/news/article.php/20131026091836323