Zum Weltsozialforum in Tunis

Mittwoch, 27. März 2013 @ 07:37

31. März 2013: Weltsozialforum in Tunis großer Erfolg
Die Weltsozialforumsbewegung hat durch den arabischen Frühling neuen Wind in den Segeln. Das Weltsozialforum 2013 in Tunis war von den arabischen Revolutionen geprägt. 4500 Vereinigungen, Verbände, Vereine und Stiftungen hatten aufgerufen. 70.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt besuchten 1200 Veranstaltungen und Workshops, von denen die meisten sich mit den sozialen Zuständen in den nordafrikanischen und arabischen Ländern und den Bewegungen von unten befassten, die gegen Erwerbslosigkeit, Verelendung und Fremdbestimmung durch die reichen Industriestaaten und die eigene Kapitalistenklasse befassten. Eine wichtige Rolle spielte die Solidarität mit der syrischen Revolution gegen das Assad-Regime sowie die Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand gegen das israelische Besatzungsregime. Beides prägte auch die Auftaktdemonstration, zu der Zehntausende kamen – die Schätzungen reichen von 50.000 bis 70.000.

Bei aller Vielfalt der politischen Meinungen waren sich die TeilnehmerInnen einig in der Verurteilung des Diktats der Finanzmärkte und der ihnen zu Diensten stehenden Regierungen. In vielen spannenden Diskussionen ging es in Tunis um die Entwicklung von Alternativen zu den neoliberalen Dogmen und auch zu einem Wirtschaftssystem, das von der Konkurrenz und vom Run auf den höchst möglichen Profit angetrieben wird. Dieses System macht Menschen und Natur kaputt. Wir brauchen einen neuen Weg und eine Produktion, die sich um menschliche Bedürfnisse und ökologische Verantwortlichkeit dreht.

Manuel Kellner (31.3.2013)



30. März 2013: ABSCHLUSS-DEMO IM ZEICHEN DER PALAESTINA-SOLIDARITAET

Das Weltsozialforum in Tunis wurde heute Samstag mit einer Demo beendet, die ganz im Zeichen der Solidaritaet mit dem unterdrueckten palaestinensischen Volk stand. Die Demo machte klar, welchen enormen Stellenwert Palaestina im arabischen Raum hat: waehrend etwa bei der Auftakt-Demo fuer das WSF am Dienstag den 26.3. die Gewerkschaft UGTT nur recht schwach vertreten war, konnte man/frau heute eine Menge der roten UGTT-Fahnen mit den verschraenkten ArbeiterInnenhaenden sehen.

Sicher ist es jetzt noch zu frueh, um eine Bilanz dieses WSF zu machen. Einige facts sprechen jedoch fuer sich. Bis gestern hatten sich 55.000 Personen registriert. Es gab ueber Tausend Einzelveranstaltungen. In etlichen Veranstatungen gab es einen regen Informationsaustausch- ein echtes Kennenlernen von unterschiedlichen politischen Kulturen.

Wichtig war, dass das Weltsozialforum KEIN "Ghetto-Dasein" fristete, also nicht abgehoben agierte. An vielen Punkten der Stadt war das WSF praesent- nicht nur auf dem zentralen Veranstaltungsgelaende des Campus El Manar oder auf der Avenue Bourgiba, die zeitweise mit ihren Diskussionen, kuenstlerischen Darbietungen und (Spontan)-Demos wie ein zweites Forumgelaende wirkte.

Fuer die AkteurInnen der tunesischen Revolution, die den Startschuss fuer den "arabischen Fruehling" gab, war es von enormer Bedeutung mit AktivistInnen aus allen Kontinenten zusammenzukommen. Denn ohne ein Mehr an Internationalismus wird es keinen ERFOLGREICHEN Widerstand gegen Kapitalismus, Imperialismus und Reaktion geben - ob in Tunesien, Palaestina oder Griechenland.

EINE ANDERE WELT IST MOEGLICH!

Hermann Dworczak

29. März 2013: WS : EIN TAG ZWISCHEN MEDINA UND CHAVEZ

Den vierten Tag des WSF in Tunis wollte ich anders angehen. Vormittag goennte ich mir eineinhalb Stunden in der riesigen und wunderbaren Medina. Ich schlenderte einfach durch die schmalen Gassen und genoss das spezifische Ambiente. Die Warnung, die in jedem westeuropaeischen Reisefuehrer steht, ja nicht zu versuchen das Innere der beruehmten Oelbaum Moschee zu betreten, ignorierte ich schlicht. Kein Mensch nahm Anstoss daran...

Dann ging es wie immer auf das Unigelaende El Manar. Ich hoerte mir zum Teil ein Interview an, das Karl Fischbacher von labournetaustria mit dem Generalsekretaer der Gewerkschaft UGTT machte, siehe www.labournetaustria.at . Mit Elisabeth Gauthier von Espaces Marx diskutierte ich ueber den Altersummit in Athen im Juni. Und schliesslich landete ich bei einer Gedenkveranstaltung fuer Hugo Chavez, die auf dem Jugendgelaende des WSF stattfand.

Mehrere RednerInnen ergriffen das Wort. Ein Vertreter der Komitees fuer die Wahl Maduras zum Nachfolger von Chavez unterstrich die Notwendigkeit des Kampfes fuer eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Francois Houtard ging auf die Persoenlichkeitsstruktur von Chavez ein: "Obwohl Chavez ein Militaer war, vergass er nicht, dass er ein Mann des Volkes ist". Ein Sprecher des MST betonte die internationalistische Perspektive des verstorbenen Praesidenten. Mehrmals erklang das legendaere Lied fuer den "commandante Che Guevera".

Die Veranstaltung gedachte auch des tunesischen linken Politikers Chokri Belaid, der ebenso wie der kongolesische Freiheitskaempfer Patricia Lumumba von der Reaktion ermordet wurde.

Allen TeilnehmerInnen des Meetings war klar: ¨La lucha sigue¨, der Kampf geht weiter.

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Hermann Dworczak (Aktivist im Austrian Social Forum)

28. März 2013: WSF: SPANNENDE VERANSTALTUNG ZUR LAGE IN CHINA

Am dritten Tag des WSF in Tunis gab es heute Donnerstag Vormittag gab es eine spannende Veranstaltung zur Lage in China: "China and its Future- a Mapping for the People". An diesem von ChinesInnen organisierten Seminar nahmen auch die bekannten Sozialwissenschafter Samir Amin und Francois Houtard teil.

Waehrend Amin China nur recht oberflaechlich als "emerging society" charakterisierte, stellte Houtard einige kritische Fragen zur Aussenpolitik Chinas- insbesonders zum Landerwerb und Bergbau chinesischer Firmen in Afrika, Lateinamerika und Asien.

Der Soziolge Chen Xin von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften beleuchtete kritisch die "Urbanisierungspolitik" der chinesischen Regierung und betonte, dass nach wie vor 200 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Lau Kin Chi aus Hong Kong berichtete von Projekten im laendlichen Bereich, bei denen "ohne Nostalgie an der Restrukturierung der communities gearbeitet wird". Sie verpasste den Nachbetern des Kapitalismus einen Schuss vor den Bug und formulierte scharf: "Wenn China den Weg des Westens geht, ist das ein Weg in die Katastrophe".

Nicht weniger pointiert die feministische Kulturkritikerin Dai Jinhua von der Peking Universitaet, die das aktuelle chinesische "Entwicklungsmodell" mit seinen enormen negativen sozialen und oekologischen Folgen problematisierte: "Wir muessen ueber die Zukunft reden, denn wir haben keine Zukunft!".

In der allgemeinen Diskussion wurde von mehreren RednerInnen die Politik der chinesichen Fuehrung der Glorifizierung des "Marktes" angeprangert. Eine bruchlose Fortsetzung dieses Weges wuerde "schliesslich die Errungenschaften der chinesischen Revolution in Frage stellen".

EINE ANDERE WELT IST MOEGLICH! Hermann Dworczak 27. März 2013: Nach der gestrigen beeindruckenden Eröffnungs- Demonstration setzte heute Mittwoch voll die inhaltliche Arbeit des WSF ein. Bereits am Vormittag gab es auf dem Campus El Manar über 100 Veranstaltungen.

Das "Internationale Netzwerk gegen Rechtsextremismus - Prague Spring 2", dem auch das Austrian Social Forum angehört, organisierte eine Konferenz zum Thema "Rise of right wing extremism and religious fundamentlism". Über 7O Personen nahmen an der Veranstaltung teil. Das - leider rein männlich besetzte - Podium war aus Sprechern aus Tunesien, Griechenland, Norwegen, Ungarn und Österreich zusammengesetzt. Völlig zurecht wurde daher in der Debatte unterstrichen, dass es keinen umfassenden Kampf gegen die extreme Rechte und die religiösen Fanatiker ohne einen entsprechenden feministischen Beitrag geben kann!

In die Diskussion griff auch ein Genosse aus Algerien ein, der von der Degenerierung der algerischen Revolution berichtete, die den Islamisten den Weg ebnete. Berichte aus der Ukraine, wo die extreme Rechte bei den letzten Parlamentswahlen über 1O Prozent der Stimmen einheimste und aus Russland rundeten das Bild ab.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass der gewaltige Anstieg von Rechtspopulismus, Rechtsextremismus - in manchen Ländern von offen faschistischen Kräften und religiösem Fundamentalismus (von der Tea Party in den USA über den "politischen Islam" bis hin zu den Hindu-Fundamentalisten) ein GLOBALES Phänomen vor dem Hintergrund der kombinierten Krisen des Kapitalismus darstellt. Und es daher verstärkter internationaler Gegenstrategien bedarf.

EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH!



26. März 2013: STARKER AUFTAKT DES WSF : ZEHNTAUSENDE MARSCHIEREN DURCH TUNIS

Das Weltsozialforum in Tunis erlebte heute einen starken Auftakt. Zehntausende marschierten in einer bunten und politisch breiten Demonstration durch Tunis. Ein Video der Eröffnungsveranstaltung findet sich hier. Die Demo hatte am Platz des 14.Jaenner um 16h ihren Ausgangspunkt. Schon lange vorher war die Avenue Bourgiba gerammelt voll. Zu sehen waren viele Photos des - von radikalen Islamisten- ermordeten linken tunesischen Politikers Chokri Bel Heide. Solidaritaet mit Palaestina wurde auf vielen Plakaten und Transparenten eingefordert. Ein grosses Spruchband lautete "Afrika ist nicht zu verkaufen".

Starke Bloecke bildeten die franzoesischen GewerkschafterInnen von "Solidaire" und Attac. Aus Deutschland kam eine groessere Gruppe der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft). Zusehen waren verschiedene politische Gruppen und AktivistInnen aus Osteuropa- z. B. aus der Ukraine, Russland und Rumaenien. Auch aus Brasilien waren etliche AktivistInnen angereist.

Besonders freute mich die Teilnahme einer Gruppe von ChinesInnen(!)- u.a. von der Chinesischen Akademie fuer Sozialwissenschaften. MorgenMittwoch setzt voll die inhaltliche Arbeit des WSF ein- bereits am Vormittag gibt es auf dem Campus El Manar ueber 100 Veranstaltungen.

EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH!

Hermann Dworczak( Aktivist im Austrian Social Forum)

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