NORWEGEN: HINTERGRÜNDE UND FOLGEN DES MASSAKERS

Mittwoch, 3. August 2011 @ 09:47

Wir (eine norwegische Initiative) versuchen, konkrete Nachrichten zu bringen, und die finden sich im allgemeinen nur in norwegischen Quellen. Es ist dies eine Initiative (im wörtlich-etymologischen Sinn), alle sind herzlich eingeladen, Beiträge, Ezzes zuzuliefern – Gegeninformation zu Breivik sollte an sich ein kollektives, transnationales Projekt sein.

Aber schon die skandinavischen Indymedias (wie auch die europäischen) haben bisher versagt, waren jämmerlich, waren nicht imstande, detaillierte Recherchen durchzuführen, Hintergrundberichte zu erarbeiten. Wir versuchen, uns mit einiger handwerklicher Akribie an das Thema heranzulesen. In den deutschsprachigen Mainstream-Medien findet sich zum großen Teil Desinformation, sind Platitüden vorherrschend, oder es wird ohnehin Bekanntes abgeschmiert.

Um die norwegische (und skandinavische) Rechte, radikale Rechte, populistische Rechte, um das neonazistische Lager zu verstehen, muß man sich zunächst ein Bild machen über die in Skandinavien immer größer werdenden rechtsextremen Parteien, die sowohl durch ihre Präsenz im öffentlichen „Diskurs“ die Hemmschwellen für Nazis und rechte Gewalttäter herabgesetzt haben als auch letzteren Block, den nazistischen, durch zahlreiche Querverbindungen, kommunikativer wie real-organisatorischer Art, stützen, stärken, befördern, ermutigen.

Zahlreiche Theorien minderer Plausibilität sind außerdem in den letzten Tagen aufgetaucht, ihnen ist mit einiger Skepsis zu begegnen. Mit ihnen werden wir uns aber ebenfalls beschäftigen.

Teil 1

Organisiert bei der Fortschrittspartei


Mitglied der „Fortschritts“-Partei (Fremskrittsparti, FrP) wurde Breivik 1999, bis 2004 bezahlte er seine Mitgliedsgebühren, 2006 wurde er aus dem Mitgliederverzeichnis ausgetragen. Er war Mitglied sowohl der FrP als auch der Jugendorganisation der Partei (Fremskrittspartiets Ungdom, FpU) bestätigt Siv Jensen, die Vorsitzende der FrP (1).

Aber schon 1997 soll er bei der Parteijugend aktiv gewesen sein, und das bis 2007.

In zwei verschiedenen Bezirken Oslos war er Mitglied der jeweiligen Bezirksgruppe der Jugendorganisation: von 2001 bis 2003 im zentral gelegenen Bezirk St. Hanshaugen und ebenfalls 2003 bei der Bezirksgruppe im westlich gelegenen Stadtteil Frogner (1).


Von Januar 2002 bis Oktober 2002 war er Vorsitzender der Ortsgruppe Oslo West der FpU, von Oktober 2002 bis November 2004 war er ebendort Mitglied der Leitung. Das gehe aus dem Mitgliederverzeichnis hervor (1), berichtet Mazyar Keshvari, ein Iraner, der bei der FrP zahlreiche Funktionen belegt, unter anderem ist er Mitglied im Programmausschuß der Partei, Osloer Ersatzmandatar für das Storting, mithin potentieller Vertreter der Parteichefin im norwegischen Parlament(2), er wird auch als Kommunikationschef der FrP bezeichnet (3).


Von 1999 bis 2006, also 7 Jahre lang, stand Breivik also in einem organisatorischen Zusammenhang mit der FrP//FpU, die Gesamtdauer seines Engagements für diesen Bereich – über die Dauer der Mitgliedschaft hinaus - dauerte von 1997 bis 2007, also 10 Jahre lang.

Auf der rechtsradikalen Liste document.no erwähnt er am 3. 12. 2009 im Zusammenhang mit seiner Lebenserfahrung im Vergleich zu der älterer Kameraden: „Ich bin wohl viel neuer im Game (sic!), da ich ja erst seit 13 Jahren politisch aktiv bin.“ Die rechtsradikale (um arbeitspraktisch diesen Sammelausdruck zu verwenden) Ausrichtung erstreckte sich also bereits damals nach seiner eigenen Bekundung über einen Zeitraum, der den seines parteinahen Engagements noch weit überstieg: 13 Jahre. Wenn man die beiden letzten Jahre dazurechnet, dann dauert sein gesamtes „Game“, also die gesamte Teilhabe an der radikalen Rechten, 15 Jahre, also beinahe die Hälfte seines Lebens.

Wir haben also, allein im Bereich von FrP/FpU ein höchst praktische und auch langfristige Einschätzung von Organisation, das auf ein überlegtes Interesse an verfestigtem Einfluß schließen lässt. In seiner Person konvergiert das klare und kontinuierliche Interesse an reeller Eingebundenheit in die extreme Parteirechte mit seinem fanalhaften Vernichtungskonzept – das heißt aber, anders gewendet, die FrP dient recht leicht als Auffangbecken und Trainingslager für fanatische Massenmörder.

Keineswegs kann die beabsichtigte Fanalfunktion des Massenmordes im strikten Gegensatz zur Partei, etwa im Sinn einer nunmehrigen radikalen Ablehnung des rechten Parteiwesens gewertet werden. Wie an anderer Stelle ausgeführt werden wird, geht aus seinen zahlreichen Eintragungen in document.no hervor, dass er eine Reihe von Parteikräften in die von ihm und anderen betriebene Extrempolitik einzubinden versuchte, er also Parteikräfte und parteinahe Kräfte als mit dem Konzept einer ultraradikalen nationalistischen Rechten kompatibel ansah.

Schließlich geht aus seinem systematischen Vorgehen auch hervor, dass das Bild nicht stimmt, demzufolge aus einem jahrzehntelangen interessierten organisierten Einsatz im Bereich der radikalen Rechten im Gegensatz und in Abkehr dazu plötzlich eine einmalige „wahnhafte“ Tat entsprungen wäre. Die Eingebundenheit in die Partei und die von ihm versuchte Einbindung von FrP-Kräften in ein scharf-nationalistisches Projekt (nach dem Muster der Vienna School of Thought (4)) lässt zudem das immer noch vertretene Einzeltätertheorem als wenig plausibel, ja als konstruiert erscheinen. Inzwischen rückt man ja, zur Abwechslung, wieder ein wenig davon ab. Auch hat die Hypothese, sein Massenmordkonzept wäre die Überkompensation frustrierter Gremien- und Institutionenarbeit, einen geringen Wahrscheinlichkeitsgrad.

Die Integrierbarkeit durch die Organisation wird durch die Leichtigkeit, mit der die Partei Leute „einfängt“, noch verstärkt, denn Kandidaten werden schnell mit Funktionen bedacht, und das geht umso schneller, als diejenigen, die sich zur „Parteiarbeit“ melden, numerisch nicht bedeutend sind.

Jøran Kallmyr, Osloer Verkehrs- und Umweltstadtrat der Fortschrittspartei (5), bestätigt das: „Als Oslo West gegründet wurde, fanden sich bloß 5 Leute ein, sodaß alle eine Funktion erhielten“ (6). Ist die Partei ein Auffangbecken für Einfache und Einsetzbare?

Zu seiner lang andauernden Parteiverbundenheit meint Kallmyr: „Er war ja nur kurze Zeit dabei“(6)

Es handelte sich um ehrenamtliche Funktionen. Angesichts der Mitgliedschaft und Parteiaktivität Breiviks versucht Keshvari zu beschwichtigen: „ Das ist das, was registriert ist. Er stand aber so gesehen in keinem Angestelltenverhältnis zur Partei.“ (1) So gesehen.

Auch Kallmyr versucht, die Parteiverbundenheit Breiviks als marginal hinzustellen. Auf die Frage, ob Breivik in der Partei ein Bezugsfeld hatte, meint Kallmyr: „“Das glaub ich nicht. Danach hat´s nicht ausgesehen.“ (6) Angesichts zehnjähriger organisatorischer Bezüge keine – kontinuierlicheren – Kontakte? Aus document.no geht deutlich, wie in der Folge noch auszuführen, hervor, wieviele – ihm bekannte – FrP-Aktivisten er für seine spezifische radikale Politik zu gewinnen versuchte. Wenn sie ihm in den Jahren 2009 und 2010, im Zeitraum seiner Beiträge auf document.no, noch immer bekannt sind, dann muß das Vertrauen doch schon lange Zeit gedauert haben. Von einer oberflächlichen oder vorübergehenden Beziehung zu Parteikreisen keinen Spur!

Kallmyr versucht, ihn als „netten Jungen“ hochzustilisieren, der ohnehin wenig mit Parteiaktivitäten befasst gewesen wäre: „Er war ein ganz unauffälliger Typ. Ist nie auf Veranstaltungen gewesen, wenn man vielleicht vom Jahrestreffen der Ortsgruppe Oslo West der Jugendorganisation absieht.“ (6) Geradezu eine marginale und irrelevante Existenz.

Im Widerspruch dazu steht in selben Interview ein Hinweis auf intensive Aktivitäten: „Bis spät in die Nacht nahm er Sitzungen teil und hat zusammen mit den anderen Mitgliedern der Führung die (politische) Situation ausgewertet.“ Ein zurückhaltender, bescheidener Junge.

Die Erschütterung, die der Kommunalpolitiker nun an den Tag legt, wirkt etwas übertrieben. Er versucht, durch plakative Bildhaftigkeit des Ausdrucks zu punkten. Auf die Frage, was er denn dabei denke, dass Breivik Parteiaktivist der FrP war, meint er: „Sie können sich selbst denken, was man für ein Gefühl dabei hat, wenn man einen Massenmörder getroffen hat. Das ist wie wenn man vor dem Zweiten Weltkrieg mit Hitler zusammengetroffen wäre. Ich hab keine Worte dafür.“ Und schließlich meint er: „Wenn auch die Jungsozialisten (7) politische Gegner sind, so sind das doch großartige Jugendliche. Das Ganze ist total schockierend.“ (6)

Mit der Partei dürfte Breivik auch gar keine Schwierigkeiten gehabt haben, berichtet Kallmyr, und wenn´s stimmt, ist´s auffällig. Sanktionen im Zusammenhang mit seinem Austritt scheint es demnach nicht gegeben zu haben. Er könne sich „nicht erinnern, dass es irgendeinen Anlaß dafür gegeben hätte, dass er abgemeldet wurde“ meint Kallmyr weiter.

Die Heuchelei der Faschisten heranziehenden und anziehenden Partei wird in Nettavisen („Netzzeitung“) köstlich gekennzeichnet. Die Parteichefin Siv Jensen drückt gehörig auf die Tränendrüse: „Sie ist zutiefst erschüttert, aber außer dass sie zutiefst erschüttert ist, will sie das nicht weiter vertiefen.“ (8) In ihrer Erschütterung hat sie noch Kraft zu einer populistischen Aussage besonderer Güte: „Das ist ein Tag, wo alle 25.000 Mitglieder der FrP AUF-ere (Jungsozialisten, AuO) sind. Und etwas unverbindlich: „Das ist ein zutiefst tragischer Tag für die ganze Nation.“ (8)

Ja gewiß, und besonders für die FrP.


Die noch von kaum jemandem ausgewerteten Hetzkommentare Breiviks auf dokument.no zielen auf schärfste Abqualifizierung und Entrechtung der ImmigrantInnen. Kallmyr meint dazu: „Ich hab schon gemerkt, daß er mit mir in Sachen Immigration nicht einer Meinung war, aber es war nicht extrem.“ (6)

Nicht extrem? Hier ein Beitrag Breiviks, der vom 25. 1. 2010 stammt und u. a. von VG Nett zitiert wird (6):

„ Sie behaupten, daß alle Norweger, die der Landesmutter/Landesmörderin (9) Gro Harlem Brundtland (10) nicht folgen, Rassisten sind: Alle, die irgendwann einen notwegischen Paß haben, sind vollwertige Norweger. Das bedeutet, daß sogar der Somalier mit norwegischem Paß, der den ganzen Tag Khat kaut, seine Frau schlägt und die Hälfte seiner Unterstützungen an Al-Shabab sendet, als vollwertiger Norweger angesehen werden muß. Wenn jemand in diesem Land es WAGT, in diesem Somalier etwas Anderes als einen vollwertigen Norweger zu sehen, dann ist er ein Rassist und muß öffentlich gebrandmarkt werden. Und sie sagen, daß alle, die mit ihrer extremen kulturmarxistsichen Weltanschauung, der utopischen Weltbürgerdefinition, nicht übereinstimmen, Rassisten sind? Sie sind mit nichts anderem befaßt, als eine jegliche Diskussion in der Gesellschaft zu paralysieren, alle zu knebeln, die nicht derselben Meinung sind wie sie selbst und gesellschaftliche Kontrolle auf gleicher Linie wie die Muslime in Grönland (11) auszuüben. …“

Für den Politiker der „Fortschritts-„Partei ist dies „nicht extrem“!










(1) Kristine Grue Langset: Frp: Breivik har vært medlem og har hatt verv i ungdomspartiet, Aftenposten, 23. 7. 2011
(2) „Mazyar Keshvari”, wikipedia norsk (bokmål)?. Keshvari, ein ehemaliger Flüchtling, hat sich u. a. und ganz im Sinne seiner Partei für einen mehrjährigen Einwanderungsstopp ausgesprochen, vgl. Gunnar Thorenfeldt: Etisk problematisk å slippe inn flere innvandrere, Dagbladet 24. 7. 2007. - Was ist das für eine Partei, die sogar Immigranten als Immigrantenfeinde anstellt?
(3) So in Aftenposten (1). Auf der Homepage der Partei figuriert jedoch Fredrik Färber als Kommunikationchef (http://www.frp.no/no/Mot_oss/Ansatte/Gruppesekretariat/).
(4) Prägnant heißt es dazu am 2. 12. 2009 in dokument.no: „Sie hatten ihre „Frankfurter Schule“. Wir sind dabei, notgedrungen unsere eigene „Wiener Schule“ (im Original „Viennaskole“) zu entwickeln.“
(5) Petter Sommer: Som å ha møtt Hitler, NRK, 23. 7. 2011
NRK ist die Abkürzung für: Norsk rikskringkasting AS, das staatliche Radio und Fernsehen
(6) Geir Arne Kippernes u. a.: Massedrapsmistenkt kalte Gro «landsmorderen», VG-Nett, 23.07.11
(7) im Original AUF. Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF) ist die Jugendorganisation der Arbeiterpartei. Homepage: auf.no
(8) Breivik hadde verv i Fremskrittspartiets ungdom, Nettavisen 23. 7. 2011. Hier wird die letzte Einzahlung unter Berufung auf Aftenposten fälschlich mit 2006 angegeben. Mazyar Keshvari wird zu Mazyar Pesvari. Ein „styremedlem“ (Führungsmitglied, Mitglied der Leitung) wird zu „sytemedlem“. Ansonsten faßt Nettavisen brav zusammen, was etwa Aftenposten bereits recherchiert hat. Nur beim Abschreiben hapert´s.
(9) Im Norwegischen ein Wortspiel: landesmoderen – landesmorderen
(10) Gro Harlem Brundtland, bis 1996 sozialdemokratische Ministerpräsidentin
(11) Stadtteil Oslos mit sehr hohem Ausländeranteil.

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